Alkohol und die Frage nach der rituellen Reinheit & Übergeordnete Lektionen aus der Diskussion

Relevanz: Alkohol ist in vielen Produkten enthalten, die wir alltäglich gebrauchen, bspw. Parfüm,Reinigungsmittel und medizinischen Produkte. Die Frage danach, ob wir diese überhaupt benutzen dürfen bzw. wie wir uns verhalten sollen, nachdem wir mit diesen in Berührung gekommen sind, stellt sich uns also. Wichtiges Prinzip: Nur Allah allein steht es zu, Dinge für erlaubt bzw. verboten, rein bzw. unrein zu erklären:

„Sag: Was meint ihr zu dem, was Allah für euch an Versorgung herab gesandt hat und was ihr dann als Verbotenes und Erlaubtes festgelegt habt, – sag: Hat Allah es euch tatsächlich erlaubt, oder ersinnt ihr etwas gegen Allah?“10:59

Zentraler Beleg:

„O Ihr, die ihr Iman habt! Berauschendes, Glücksspiel, Opfersteine und Orakelpfeile sind ein Gräuel, ein Werk Satans. So meidet sie, auf dass ihr erfolgreich seid.“5:90

Kommentar zur Tabelle: Ein Pfeil symbolisiert das Gegenargument, als die beabsichtigte Entkräftung des Belegs. Ein Doppelpfeil steht für die Antwort auf den Entkräftungsversuch.

Befürworter des VerbotsGegner des Verbots
Die Mehrheit der GelehrtenRabie`ah, Al- Laith ibn Sa`d, Al- Musanni (Gefährte Imam Asch- Schaafi`i`s), Gelehrte aus jüngerer Zeit der Baghdader- sowie der Qarawiyien- Schule, Asch- Schaukaani und Al- Qaradawi
Weil der Alkohol verboten ist, ist er auch unrein=> Alles Unreine ist verboten und nicht umgekehrt: „Verboten sind euch (zur Heirat) eure Mütter, eure Töchter, eure Schwestern...“ (4:23)
=> Man konnte dem Alkohol ausweichen und die Menge war auch nicht relevant, außerdem geschah die aufgrund von Notwendigkeit, weil den Alkohol nicht in Medina auszugießen eine unzulässige Aufschiebung bedeutet hätteDer Alkohol wurde damals in den Straßen ausgegossen und nicht am Abort. (Sa-ied Ibn Hidaad) Der Abort wurde auch damals von den Menschen mehrmals täglich aufgesucht. Hier darf man bemerken, das man damals oft barfuß zu laufen pflegte. =>=> Die Menge ist nicht relevant, sondern das Prinzip, dass es verboten ist, Nadschaasaat (rituelle Unreines) auf den Wegen zu verbreiten. In Bezug auf den Toilettengang sagte der Prophet (saw) deswegen: „Vermeidet die drei Verfluchten: Das Hinterlassen an Wasserstellen, benutzten Wegen und im Schatten.“ (Abu Dawud, Nr. 26) Auch sagte er (saw): „Vermeidet die beiden Verfluchten.“ Es wurde gefragt: „Und was sind die beiden Verfluchten?“, worauf er sagte: „Derjenige, der sich auf dem Weg der Leute oder in deren Schatten entleert.“ (Muslim, Nr. 8636)„Auf dem Weg der Leute“ umfasst alle Wege, seinen diese nun breit oder eng. Wobei man auch als Argument aufführen kann, dass nicht alle Wege Medinas breit gewesen waren. Einige Gelehrte sprachen davon, dass die breitesten Wege sieben Ellen1) lang waren.
„Ridschs“ bedeutet sprachlich „Unreinheit“ (Nadschaasah)=> Die angesprochene Unreinheit ist im übertragenen Sinne zu verstehen, schließlich sind auch Glücksspiel, Opfersteine und Orakelpfeile zum „Unreinen“ gezählt worden. „So meidet den Gräuel der Götzenbilder, und meidet die falsche Aussage.“ (22:30) In diesem Vers ist ebenfalls eine Unreinheit der Götzen festgehalten, die jedoch im übertragenen Sinne zu verstehen ist, den die Substanz des Götzens an sich ist rein. (Qaradawy). Übrigens betete Umar (ra) vor seinem Islam eine Götze aus Datteln an. An- Nawawi in Madschmuu`: „Ridschs“ bedeutet bei den Sprachgelehrten „Schmutz“ und daraus muss man keine rituelle Unreinheit im Sinne von „Nadschaasah“ ableiten. Sag: Ich finde in dem, was mir (als Offenbarung) eingegeben wurde, nichts, das für den Essenden zu essen verboten wäre, außer es ist Verendetes oder ausgeflossenes Blut oder Schweinefleisch – denn das ist ein Greuel...“ (6:154) „Ridschs“ - Gräuel- meint hier Haram (Asch- Schaukaani) Allah grenze die Natur des Ridschs weiter ein und zwar als „ein Gräuel, ein Werk Satans.“ Gemeint sei also, dass die erwähnten Dinge verabscheuungswürdig, verboten, hässlich und ein Ekel seien und dass der Satan dazu verleitet und dies zu verschönern sucht. Ridschs in diesem Vers wurde von Ibn Abbas (ra) mit „Zorn, Unwille vom Werk Satans“ weiter erläutert. Saied ibn Dschubair (ra) erläuterte ridschs mit Sünde (ithm). Said ibn Aslam (ra) kommentierte das besagte Wort mit „alles Schlechte von den Werken des Satans.“2
Es wurde uns befohlen, vom Alkohol fernzubleiben=> An- Nawawi in Madschmuu`: Dass es uns befohlen wurde, vom Alkohol fernzubleiben, bedeutet noch nicht, dass man daraus eine rituelle Unreinheit im Sinne von „Nadschaasah“ ableiten kann.
Analogieschlüsse & Vergleiche mit Blut und dem Speichel des Hundes Al- Ghasaaliy erklärte den Alkohol als rituell unrein als Form von Abschreckung- aufbauend auf einen Vergleich zwischen dem Speichel des Hundes und dem Alkohol.=> Keine Qiyas möglich in diesen Angelegenheiten, da der ausschlaggebende Grund, Al- Illah sich unterscheidet.
Ein Gelehrter: Wir können uns nicht immer auf einen Text stützen, um etwas für unrein zu erklären. => Ein eindeutiger Text aus dem Quran und der Sunna ist nötig, um etwas für erlaubt bzw. verboten, rein bzw. unrein zu erklären!
Tirmidhi, Al- Hakim und Abu Dawud haben festgehalten, dass der Prophet (saw) befahl, dass Geschirr der Leute der Schrift zu waschen, bevor man daraus ist.=> Dies um Spuren von Schweinefleisch und Alkohol zu entfernen. Haram und rituelle Unreinheit sind zwei verschiedene Dinge. Abu Dawud und Imam Ahmad überliefern, dass Dschabir berichtete, dass die Prophetengefährten gelegentlich aus dem Geschirr der Götzendiener aßen, ohne dass dies vom Propheten (saw) getadelt wurde.
Der Prophet (saw) befahl einem Mann, der eine Karaffe mit Alkohol vor ihm auf die Erde ausgoss nicht, dass er das Gefäß zu reinigen hatte (Bericht in Sahih Muslim), wie er dies beispielsweise tat, als das Fleisch zahmer Esel im Jahre Khaibars verboten wurde. Auch hinderte er (saw) ihn nicht daran, dass er den Alkohol an dieser Stelle ausgoss und befahl auch nicht, dass man Wasser über die Stelle gießt, so wie er es tat, als ein Beduine in der Moschee urinierte.3

Quellen:

  • Taysier Al Fiqh Li Al- Muslim Al- Muaasir fie Dau Al- Quran wa As- Sunna. Fiqh At- Tahaarah. von Dr. Yusuf Qaradawi, vierte Auflage, Maktabatu Wahbah, Kairo 2008
  • Kursmaterialien. Unveröffentlichter Aufsatz über die rituelle Reinheit von Alkohol von Dr. Khalid Hanafy, Frankfurt 2011

 

Fazit:

Es gibt keine eindeutige Aussage in den Texten des Qurans und der Sunna, welche belegen würde, dass Alkohol nadschis, also rituell unrein ist. Auf alle vermeintlichen Belege dafür, dass Alkohol rituell unrein ist, wurde mit Argumenten entgegnet. Insofern ist es mindestens fraglich, dass wir den Alkohol als rituell unrein einstufen. Abgesehen davon, würden wir uns sowie anderen das alltägliche Leben durch diese Ansicht unnötig erschweren.

Übergeordnete Lektionen aus der Diskussion bezüglich der rituellen Reinheit des Alkohols.

  1. Dass die übergroße Mehrheit der Gelehrten sich in einer Frage einig ist, bedeutet nicht, dass sie dies aufgrund unanfechtbarer Belege tut.
  2. Dass die übergroße Mehrheit der Gelehrten sich in einer Frage einig ist, bedeutet nicht unbedingt, dass sie stärkerer Belege für ihre Ansicht vorweisen kann.
  3. Der Konsens unter den vier Rechtsschulen ist kein Gesamtkonsens der Gelehrten.
  4. Die Schwäche bzw. Dominanz einer Auffassung in Sachen zahlenmäßige Anhängerschaft von Gelehrten und Institutionen kann von Zeit zu Zeit, über die Generationen hinweg variieren, denn heutzutage vertritt eine beachtliche Anzahl von einflussreichen Gelehrten und Gelehrtengremien, dass Alkohol rituell rein ist.
  5. Belege sind keine endgültigen Beweise.
  6. Scheinbare endgültige Beweise können von verschiedenen Winkeln gesehen werden, so dass die Beweiskraft einer Sicht schwächer wird, weil der Beleg je nach Perspektive mehrere Auffassungen unterstützen kann.
  7. Scheinbare endgültige Beweise für eine Sicht können sich in einen Beleg für die gegenteilige Auffassung wandeln.
  8. Es mag sein, dass Gelehrte eine Auffassung unter mehreren möglichen Auffassungen aus bestimmten Gründen wählen. Diese Gründe könnten heute für uns relevant sein, oder aber auch nicht
  9. Fanatismus kann zu Erschwernis im Alltag des Muslims führen
  10. Fanatismus kann zu Erschwernis in der Präsentation des Islam führen (Wie erklärt man einem Nichtmuslim, dass Alkohol in Hygieneartikeln und Reinigungsmitteln für Muslime problematisch ist?!)
Quellennachweise:
  1. Eine Elle ist auf unsere Maßeinheit übertragen zwischen 58 cm – 80 cm. Die Unterschiede hängen damit zusammen, dass es regional verschiedene Längen gab, die als „Elle“ bezeichnet wurden. (Siehe Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart von Hans Wehr, vierte unveränderte Auflage, 2006. Allein das Wort lässt darauf schließen, dass es keine wirklich genaue Entsprechung, weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart, in cm geben kann.(Anmerkung des Übersetzers []
  2. Dieser Absatz ist aus dem Aufsatz über die rituelle Reinheit von Alkohol von Dr. Khalid []
  3. Dieser Absatz ist aus dem Aufsatz über die rituelle Reinheit von Alkohol von Dr. Khalid []