Schächten im Islam / Spenden oder opfern / Halal-Fleisch vom christlichen Bio-Bauern?

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إن الله كتب الإحسان على كل شيء

Allah hat vorgeschrieben, alles auf die beste Weise zu tun.Der Prophet Muhammad

Das Schächten ist eine zentrale gottesdienstliche Handlung im Islam, denn der Prophet (saw) hat die rituelle Schlachtung mit dem Gebet und der Ausrichtung nach Mekka im Gebet verglichen. Anas Ibn Malik (r) berichtete, dass der Gesandte Allahs (saw) sagte:

Wer immer wie wir betet, unsere Gebetsrichtung (Qiblah) einnimmt und das Fleisch unserer geschlachteten Tiere isst, der ist Muslim, dem der Schutz Allahs und Seines Gesandten gewährleistet wird. So handelt nicht verräterisch hinsichtlich Allahs Schutz.Bukhary

Der Internationale Fiqh- Rat mit Sitz in Dschidda — eine Institution der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) — hat im Jahr 1997 festgehalten1 , dass zu einer korrekten Schlachtung u.a. dazugehört

  • dass der Schlachter den Namen Allahs auszusprechen hat und sich nicht mit dem Abspielen einer Audioaufnahme begnügen sollte. Falls „Mengenschlachtungen“ unvermeidlich sind, so genügt für jede jeweils eine Nennung; sollte eine „Mengenschlachtungen“ unterbrochen werden, so muss die Nennung wiederholt werden.
  • die räumliche Trennung der Tiere, so dass ein Tier nicht zusehen muss, wie ein anderes geschlachtet wird.
  • Das Schlachtinstrument muss scharf sein
  • Das Schlachtinstrument soll nicht vor dem Tier geschärft werden.
  • Das Tier darf nicht gequält werden
  • Die Schlachtung sollte nach Möglichkeit ohne Betäubung erfolgen.
    • Perspektive: Schaikh Al- Qaradawi (h) wiederspricht der Mehrheit und meint, dass eine Betäubung an sich nicht gegen Vorgaben des Islam geht, sondern im Gegenteil, den Geist der islamischen Schächtungsregeln erfüllt, bzw. je nach Methode zu erfüllen vermag, beispielsweise wird neben dem Betäubungseffekt auch die Hinführung eines großen Tieres zur Schlachtung erleichtert.
  • Muslime in nichtislamischen Ländern sollen sich bemühen, gemäß den islamischen Vorgaben schächten zu können.
    • Perspektive: Dr. Ali Qaradaghi (h): Imam Asch- Schaafiiy (r) hält fest, dass Muslime in Zeiten der Stärke andere für Aufgaben einsetzen können, umgekehrt dies vermieden werden sollte, da dies die eigene Schwäche nur fördert, in diesem Sinne verfechtet er, dass nur Fleisch, welches von Muslimen geschächtet wurde, gekauft werden sollte. Al-Qaradawi sieht dieses Prinzip als in diesem Fall nicht relevant an und überlässt es dem Käufer, nach Preis/Leistungsverhältnis zu unterscheiden. (Asch-Scharia wa Al-Hayah-Sendung)
  • Es ist in der muslimischen Gemeinde zu beobachten, dass aufgrund des gestiegenen Bewusstseins bezüglich der Rechte von Tieren wie auch bezüglich der schlechten Qualität des Fleisches aus der „Fleisch-Industrie“ ein gesteigertes Interesse an Bio-Fleisch – und sei dieses teurer – besteht. Aus der folgenden Antwort, welche ich für einen anfragenden Kindergarten mit Horteinrichtung verfasste2, entnehmt bitte Informationen zur Frage nach Halal-Fleisch vom christlichen Bio-Bauern.

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    antwortend auf Ihre Anfrage, unter welchen Bedingungen Muslime Fleisch essen, habe ich Ihnen diese Ausarbeitung angefertigt:

    Erstens: Muslime können nach muslimischen Vorgaben rituell geschlachtetes Fleisch essen:

    Der Gesandte Allahs (saw) hat gesagt:

    Dass, was ausblutete und worüber der Name Allahs ausgesprochen wurde, dass iss.Bukhary

    In der Regel kaufen Muslime nur von solchen Geschäften, die darauf hinweisen, dass das angebotene Fleisch von einem Muslim halal geschächtet wurde und gleichzeitig ihre (religiöse) Glaubwürdigkeit nicht dadurch untergraben, Alkohol und Schweinefleisch zu verkaufen.

    Da sie ein Interesse daran haben, Ihren Kindern Bio-Fleisch anzubieten, dieses meines Wissens nach in Frankfurt und Umgebung nicht von Muslimen gehandelt wird – also solches, was von Muslimen gemäß islamischen Vorgaben geschlachtet wurde – ist folgende Möglichkeit offenstehend:

    Zweitens: Muslime können von Schriftbesitzern (Juden und Christen) geschlachtetes Fleisch essen:

    An diesem Tag ist euch alles, was gut ist, zu genießen erlaubt, auch die Speisen der Schriftbesitzer (was Juden oder Christen bereiteten), sowie eure Speisen auch ihnen erlaubt sind.5:5

    Da Texte in Detailfragen verschieden auslegbar sind, teilen sich die Auffassungen bezüglich folgender Frage: Müssen die jeweiligen Schriftbesitzer Gott bei der Schlachtung erwähnen, wie dies Muslime gemäß dem folgenden Quranvers geboten bekommen haben?

    Verboten ist euch (der Genuss von) Verendetem, Blut, Schweinefleisch und dem, worüber ein anderer (Name) als Allah(s) angerufen worden ist, und (der Genuss von) Ersticktem, Erschlagenem, zu Tode Gestürztem oder Gestoßenem, und was von einem wilden Tier gerissen worden ist – außer dem, was ihr schlachtet – und (verboten ist euch,) was auf einem Opferstein geschlachtet worden ist…5:3

    Die klassischen Gelehrten Imam Ahmad (r) und Imam Abu Hanifa (r) halten fest, dass auch der Schriftbesitzer den Namen Allahs bei der Schlachtung aussprechen muss.

    Der Großgelehrte Imam Maalik (r)  – dem übrigens die meisten Marokkaner folgen – setzt die Nennung des Namen Allahs nicht für eine Halal-Schlachtung seitens eines Schriftbesitzers voraus, jedoch würde nach ihm die Nennung eines anderen Namens (z.B. Jesus (saw), der im Islam als geehrter Prophet ohne göttliche Eigenschaften gilt) das Schlachttier zum Verzehr verbieten.

    Auch vertreten Gelehrte, dass selbst wenn ein anderer Name seitens des Schriftbesitzers ausgesprochen werden sollte, das Schlachttier zum Verzehr erlaubt wäre. Dies wird von den Quran-Kommentatoren Ataa (r), Mudschaahid (r) und Makhuul (r), überliefert und wurde von Ibn Qudaamah (r) in Al- Mughniy festgehalten.

    Bezüglich der Erwähnung Gottes seitens des Schriftbesitzers bei der Schlachtung: Muslime sind nicht dazu aufgerufen, in diesen Fragen Nachforschungen zu betreiben. Dies wird von heutigen wie auch damaligen Großgelehrten des Islam bestätigt. Hierfür wird u.a. folgende Begebenheit herangezogen: Aischa (ra), erwähnte, dass Leute den Propheten (saw) über Leute fragten, die ihnen Fleisch brachten, sie aber nicht wussten, ob der Name Allahs darüber gesprochen wurde oder nicht. Der Prophet (saw) sagte: „Sprecht ihr selbst den Namen Allahs und esst es.“ Sie (Aischa, ra) sagte: „Diese Leute waren erst kürzlich Muslime geworden.“ Die Pflicht der Erwähnung Allahs bei der Schlachtung konnte diesen neuen Muslimen also noch unbekannt geblieben sein. Schaikh Al- Qaradawi (h) zitiert in diesem Zusammenhang eine Regel, welche Ibn Hasm (r) aus diesem Hadith abgeleitet hat: „Das, was uns verborgen ist, wird auch nicht von uns erforscht.“ Weiterhin wird diese Auffassung vom klassichen gelehrten Imam An- Nawawi vertreten.3

    Die große Mehrheit der Muslime isst jedoch das gewöhnliche Fleisch aus den Märkten deswegen nicht, da in Deutschland nicht zwangsweise davon ausgegangen werden kann, dass ein bekennender Christ geschlachtet hat.

    Persönliche Einschätzung

    Als praktizierender Muslim, Vater eines Kindergartenkindes sowie auch als Sozialpädagoge – jedoch nicht in der Rolle eines muslimischen Rechtsgelehrten oder gewählten Vertreters – gebe ich folgende Einschätzungen und Empfehlungen ab:

    • Vegetarische Kost sollte immer eine Option sein, denn Vegetarier sollte man nicht aus einer pädagogischen Einrichtung indirekt ausschließen, indem man keine fleischlose Kost anbietet.
    • Muslime, welche grundsätzlich nur Fleisch von Muslimen essen wollen, haben keine zwingende religiöse Grundlage für diesen Wunsch, denn der Quran erlaubt – wie oben im fünften Vers der fünften Sure beschrieben – eindeutig für Muslime, das von einem Christen oder Juden geschlachtete Fleisch zu essen.
    • Viele Muslime empfinden die Situation als diskriminierend, dass andere Religionsgemeinschaften in Deutschland betäubungslos schlachten dürfen und Muslime nicht (weshalb das Halal-Fleisch importiert wird.) Deswegen sprechen sich Gelehrte dagegen aus, dass man sein Fleisch im Allgemeinen ausschließlich von Christen oder Juden bezieht, um nicht dadurch des Status quo quasi zu besiegeln.
    • Im Allgemeinen wünschen sich Rechtsgelehrte, dass auch wenn das Schlachttier von einem bekennenden Christen geschlachtet wird, dass eine muslimische Zertifizierungsstelle ein Garantiesiegel auch dafür vergibt, dass das für Muslime speziell geschlachtete Fleisch nicht mit Schweinefleisch (-resten) etc. nach der Schlachtung (bspw. bei der Lagerung, Verpackung und Transport) in Berührung kommt. Ansonsten ist leider mit Betrug und Pfusch zu rechnen.
      Die Zertifizierung ist jedoch aus religiöser Sicht nicht zwingend bindend und wird in der muslimischen Gemeinde individuell verschieden gehandhabt. So gibt es Muslime, die von ihrem glaubwürdigen Händler (siehe oben) keine Zertifizierung verlangen.
      Begründetes Vertrauen in Zusagen von Händlern und Bauern bezüglich dessen, dass das Schlachttier von Christen geschlachtet wurde, vermag durch Begegnung und Dialog zu entstehen
    • Muslime müssen unter den Umständen in Deutschland nicht besorgt sein, dass sie Erschlagenes bzw. Verendetes essen, denn die strengen und genauen Vorgaben in Deutschland sichern ab, dass die Betäubung betäubt und nicht das Tier tötet. Seltene Ausnahmen bestätigen höchstens diese Regel. Dies wurde mir persönlich vom Veterinärsamt bestätigt.
    • Gerade Muslime sollten aufgrund ihrer Religion auf Umweltschutz, Tierrechte und gesunde Ernährung achten. Dies miteinbezogen, so ist Bio-Fleisch, welches von christlichen Schlachtern stammt, anderem nicht Bio-Fleisch vorzuziehen. Dazu aus dem Quran:

    Esst von den guten Dingen, mit denen Wir euch versorgt haben…20:81-82

    …So schickt einen von euch mit diesen euren Silbermünzen in die Stadt; er soll sehen, welche ihre reinste Speise ist, und euch davon eine Versorgung bringen…18:19

    All dies miteinbezogen, sollten Muslime Bio-Fleisch von christlichen Schlachtern willkommen heißen, wenn dies von Ihrer Einrichtung angeboten werden sollte.

    • Falls Ihre Einrichtung kein Bio-Fleisch anbieten möchte, wäre es für alle Beteiligten das Beste, wenn sie gewöhnliches Halal-Fleisch von Muslimen beziehen, denn ein Unterschied wird nicht zu schmecken sein 🙂
    • Vorausgesetzt, dass es unwirtschaftlich ist, Fleisch doppelt einkaufen und kochen zu müssen, um alle zufrieden zu stellen:
      • Die muslimischen Eltern, die aus oben genannten Gründen kein Bio-Fleisch von christlichen Schlachtern für ihre Kindern wünschen, werden sicherlich Verständnis dafür aufbringen, dass sich die Einrichtung aus ethischen wie auch aus gesundheitlichen Gründen für Bio-Fleisch von christlichen Schlachtern entschieden hat und aus wirtschaftlichen Gründen Fleisch nicht doppelt einkaufen und kochen kann und in der Konsequenz ihre Kinder für vegetarische Kost anmelden – welche auch proteinreich sein kann und sollte. Auch Fisch ist eine sehr gute Alternative – und im Quran übrigens als Fleisch beschrieben.
    • Ich persönlich würde mich freuen, wenn eine Einrichtung meinen Kindern Bio-Fleisch von christlichen Schlachtern anbieten würde. Wenn ich im Gespräch mit einem Metzger von diesem sein Bekenntnis zum Christentum erfahre, und durch die Begegnung begründetes Vertrauen entsteht, soll mir dies genügen. Gleichfalls würde ich persönlich auf Vertrauensbasis die Zusage annehmen, dass der Metzger und eventuelle Lieferanten das für Muslime bestimmte Fleisch nicht mit für Muslime verwehrte Lebensmittel direkt oder indirekt in Berührung kommen lassen. Dies deswegen, da die Zertifizierung sich eventuell für den Metzger nicht finanziell rentieren würde.

    Falls Sie einen Ansprechpartner für Elterngespräche benötigen, so erkläre ich mich persönlich gerne dazu bereit.

    Ihnen alles Gute wünschend und mit kollegialen Grüßen

    Mohammed Naved Johari

     

    Abschließen möchte ich diese Abhandlung damit, dass Abdur-Rassaaq in Al-Musannaf (8156) zitiert: „Den Wert des Schlachttieres einem Waisenkind oder einem Verschuldeten zu geben, ist mir lieber als ein Opfertier zum Schlachten zu kaufen.“ Der Überlieferer Imraan ibn Muslim ist sich jedoch nicht sicher, ob Bilal (ra) oder Suwayd ibn Ghaflah (r) dies aussagten- unabhängig davon ist dies jedoch die umsetzbare Aussage eines der geehrten Altvorderen. Auch Schaikh Ibn Uthaymien (r) vertrat, dass wenn man vor der Wahl steht, einem Verschuldeten die Schulden abzuzahlen oder aber das Vermögen für ein Opfertier aufzuwenden, es besser ist, die Schulden zu begleichen, insbesondere, wenn es ein Verwandter ist, der die Hilfe benötigt.

    Wer Waisenkindern Unterstützung zukommen lassen möchte: Die gemeinnützigen humanitären Hilfsorganisationen www.muslimehelfen.org und www.islamicrelief.de sind aufgrund ihrer zahlreichen freiwilligen Helfer zu bevorzugen, da so viel vom gespendeten bei den Bedürftigen ankommt und nicht in der nötigen Verwaltung hängen bleibt. Isirafil-Ibrahim Gülap, Mitarbeiter von Islamic Relief ist wie folgt zu erreichen: frankfurt@islamicrelief.de und 0176 300 499 59 – oder Wochentags von 09:00-17:00 Uhr im Büro in der Klingerstrasse 9, 60313 Frankfurt nahe der Konstablerwache.

    Quellennachweise:
    1. Internationale Islamische Fiqh-Akademie (مجمع الفقه الإسلامي الدولي): قرار بشأن الذبائح 95 (3/10)[1], 03.07.1997, http://www.iifa-aifi.org/2015.html (zuletzt abgerufen am 20.04.2017). []
    2. Bloß unwesentliche stilistische Änderungen sind für diesem Artikel angefertigt worden []
    3. Fatwa No : 84338. Slaughtering chickens in USA, http://ww.islamweb.org/emainpage/index.php?page=showfatwa&Option=FatwaId&Id=84338 (zuletzt abgerufen am 02.10.2014) []